Jorge (Jürg) Frey und Eugen Stamm über die Frage, die vermögende Familien nicht stellen
Es gibt eine Frage, die vermögende Familien der zweiten und dritten Generation nicht beantworten können. Nicht weil sie kompliziert wäre. Sondern weil sie nie gestellt wurde.
Die Frage lautet nicht: "Wie viel haben wir?" Auch nicht: "Wie investieren wir?"
Die Frage lautet: "Wofür ist unser Vermögen da?"
Jorge Frey und Eugen Stamm haben ein Buch über diese Frage geschrieben. Kein Ratgeber. Kein Leitfaden. Sondern etwas Selteneres: Ein ehrliches Buch über ein Problem, das niemand gerne ausspricht — und das 2026, in einer Zeit steigender Vermögenskonzentration und wachsender gesellschaftlicher Spannungen, dringlicher ist denn je.
Die Kernaussage
Worum geht es bei «Erbe als Verantwortung» wirklich?
Nicht um Vermögensmaximierung. Nicht um Steueroptimierung. Sondern um eine strukturelle Logik, die entscheidet, ob Vermögen über Generationen besteht — oder in der dritten Generation verschwindet.
Wer Vermögen als Eigentum versteht, maximiert kurzfristig. Wer es als Mandat versteht, erhält langfristig.
Das ist keine Moralphilosophie. Das ist die Essenz von Stewardship — und dieses Buch zeigt, wie sie operativ funktioniert.
Drei Perspektiven
Die zentrale These des Buchs: Langfristiges Denken ist kein Luxus. Es ist die einzige Form von Risikomanagement, die funktioniert, wenn in Generationen gerechnet werden muss.
Ein Beispiel aus der Praxis: Family Offices, die kurzfristig denken, investieren in Märkte, die auf Quartalszahlen optimiert sind. Das funktioniert — bis Klimarisiken Lieferketten lahmlegen, soziale Instabilität Märkte destabilisiert oder regulatorische Umbrüche ganze Sektoren neu ordnen. Dann verlieren sie nicht nur Kapital. Sie verlieren Optionen.
Das Buch argumentiert nicht, dass Vermögensinhaber bessere Menschen werden sollten. Es argumentiert, dass sie keine Wahl haben — wenn Vermögen ernsthaft erhalten werden soll.
2. Family Governance ist institutionelles Design unter Interessenskonflikten.
Frey und Stamm beschreiben Family Governance nicht als harmonischen Prozess, bei dem alle am Tisch sitzen und weise entscheiden. Sie beschreiben es als das, was es ist: Struktur, die verhindert, dass Emotionen Strategie ersetzen.
Ein Family Council ist keine Familienfeier. Es ist eine Entscheidungsarchitektur. Ein Mission Statement ist kein Satz, der sich einfach auf Papier gut anhört. Es ist die Orientierung, der Anker, wenn eine Familie vor unklaren Entscheidungen steht.
Das Buch enthält die Frey-Stamm Methode (FSM): Schritte zur Vorbereitung auf das Vermögen — ein operationales Framework, kein theoretisches Konstrukt. Es zeigt, welche Strukturen funktionieren können. Aber es verschweigt nicht: Wenn nicht alle Familienmitglieder bereit sind, Verantwortung anzunehmen, helfen die besten Strukturen wenig.
Die Autoren formulieren es prägnant: "Wertschätzung kostet nichts, aber sie ist von unschätzbarem Wert."
3. Impact Investing ist keine Philanthropie — es ist Investition in die Resilienz der Systeme, von denen Vermögen abhängt.
Dieses Kapitel überrascht. Nicht weil Impact Investing neu wäre — sondern weil die Argumentation bestechend klar ist.
Wer Vermögen über Generationen erhalten will, muss die Systeme verstehen, die dieses Vermögen möglich machen. Märkte funktionieren nicht im Vakuum. Sie brauchen Rechtsstaatlichkeit, soziale Stabilität, funktionierende Ökosysteme.
Ein Beispiel: Ein Investor, der in regenerative Landwirtschaft investiert, tut das nicht zwangsläufig, weil er die Welt retten will. Er tut es, weil degradierte Böden langfristig Ernährungsunsicherheit, soziale Konflikte um Ressourcen, Marktvolatilität und regulatorische Eingriffe bedeuten.
Das Buch enthält auch die "10 Bausteine für wirkungsvolles Investieren", entwickelt vom Center for Sustainable Finance and Private Wealth, Department of Banking and Finance (CSP) der Universität Zürich | University of Zurich. Er enthält praxisnahe, operationale Leitplanken, die bei der Strategiefindung geeigneter Investments einen Schritt weiterhelfen können.
Was das Buch leistet — und was es offen lässt
Das Buch ist ein Orientierungsrahmen, kein Rezeptbuch. Es sagt nicht: "Tun Sie X, dann klappt es." Es sagt: "Hier sind die Fragen, die gestellt werden müssen."
Was es leistet: Es zeigt, welche Fragen die richtigen sind — und liefert operative Frameworks wie die FSM-Methode und die 10 Bausteine für wirkungsvolles Investieren.
Was es offen lässt: Wie Family Governance konkret aussieht, wenn Familienmitglieder fundamental unterschiedliche Werte vertreten. Das Buch zeigt den Rahmen — aber es kann nicht jede individuelle Konstellation auflösen. Jede Familie ist anders. Jede Generation hat andere Werte. Jede Struktur muss neu betrachtet und ausgehandelt werden.
Das ist keine Schwäche. Das ist Ehrlichkeit. Wer behauptet, es gäbe einen universellen Blueprint für Familienvermögen, verkauft etwas im Eigeninteresse.
Warum dieses Buch 2026 relevanter ist als je zuvor
Das Buch erschien 2024 — in einer Zeit, in der Vermögenskonzentration politisch umstritten ist wie nie zuvor. Erbschaftssteuern werden diskutiert. Wealth Taxes rücken auf die Agenda. Gesellschaftliche Spannungen nehmen zu.
In diesem Kontext ist die zentrale Frage des Buchs — "Wofür ist das Vermögen da?" — keine philosophische Übung mehr. Sie ist eine Frage, die Familien beantworten müssen, bevor andere sie für sie beantworten.
Das Buch zeigt: Wer Vermögen langfristig erhalten will, muss dessen gesellschaftliche Legitimität sichern. Nicht durch PR. Sondern durch Verantwortung, die strukturell verankert ist.
Gerade in der Schweiz — einem Land mit den grössten Vermögensverwaltern der Welt — ist diese Auseinandersetzung unvermeidbar. Wie die Autoren bereits in ihrem Vorgängerwerk Von Geld und Werten (2019) beschrieben haben: Diese Fragen lassen sich nicht delegieren.
Für wen ist dieses Buch?
Für jene, die verstanden haben: Vermögen ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Aufgabe.
Konkret:
Das Buch ist für jene, die an der Schnittstelle von Kapital, Verantwortung und langfristigem Denken arbeiten — und die erkannt haben, dass diese Schnittstelle keine Modeerscheinung ist, sondern eine strukturelle Notwendigkeit.
Was bleibt
Was das Buch auszeichnet, ist nicht nur die inhaltliche Qualität — sondern auch die Verständlichkeit. Es ist zugänglich, ohne oberflächlich zu werden. Man muss keinen Master in Sustainable Finance oder Wealth Management haben, um es zu verstehen. Aber selbst mit breitem Wissen lernt man Neues.
Und es bestätigt: Wer langfristig denkt, kommt an Impact Investing nicht vorbei. Nicht als Philanthropie. Als Risikomanagement für Systeme, von denen Vermögen abhängt.
Die Schweizer Bundesverfassung formuliert es so: "Frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht."
Vermögen ist Freiheit.
Aber Freiheit ohne Verantwortung ist nur Zufall.
Dieses Buch zeigt, wie aus Zufall Gestaltung wird. Und warum das 2026 dringlicher ist als je zuvor.
Jorge Frey, Eugen Stamm: "Erbe als Verantwortung. Investieren und Beraten über Generationen hinweg" NZZ Libro | Schwabe Verlagsgruppe AG, 2024. 190 Seiten.
Vorgängerwerk: Jorge Frey, Eugen Stamm: "Von Geld und Werten: Ungeschriebene Gesetze für eine erfolgreiche Vermögensübertragung" NZZ Libro, 2019. 170 Seiten.